Während das Waffenstillstandsabkommen zwischen den USA und dem Iran bereits wieder zu zerbröckeln scheint, lieferte das jüngste Gipfeltreffen in Armenien das nächste Beispiel für Trumps außenpolitisches Versagen. Von „Making America Great Again“ ist wenig geblieben; stattdessen verspielt der US-Präsident gerade seinen wichtigsten Hebel gegenüber den europäischen Verbündeten.

Gepaart mit der Niederlage vor dem Obersten Gerichtshof bezüglich seiner willkürlichen Zölle und dem drohenden Verlust der Mehrheit im Kongress im nächsten Jahr, steht Trump innen- wie außenpolitisch mit dem Rücken zur Wand.
Die Ukraine emanzipiert sich
Der wohl folgenreichste Bruch zeigt sich in der Ukraine-Politik. Bei seinem jüngsten Auftritt auf einem europäischen Gipfel richtete Präsident Selenskyj seine Worte ausschließlich an Europa – die USA spielten in seiner Rede keine Rolle mehr. Kiew macht sich systematisch von Washingtons Sicherheitsgarantien unabhängig.
Für Europa bedeutet das: Wenn Amerika nicht mehr als unverzichtbarer Schutzherr auftritt, gibt es für Brüssel kaum noch Gründe, sich Trumps Forderungen zu beugen. Diese neue Dynamik verändert das Machtgefüge in fast allen transatlantischen Konfliktfeldern.
Das Ende der Erpressbarkeit durch Zölle
Noch im letzten Jahr akzeptierte Europa Trumps massive Zölle fast klaglos. Man fürchtete, durch Gegenmaßnahmen die lebensnotwendige US-Unterstützung für die Ukraine zu riskieren. Doch im Jahr 2026 hat sich das Blatt gewendet:
- Persönlicher Einfluss: Die Riege der Staatschefs, die noch einen Draht zu Trump hatten, ist fast vollständig verschwunden.
- Strategischer Fokus: Selenskyj hat erkannt, dass Schmeicheleien bei Trump nichts bringen. Sein Fokus liegt nun auf europäischer Autonomie.
- Der Iran-Faktor: Durch Trumps Fixierung auf den Iran-Konflikt sind die USA für Europa vom „unsichtbaren Bündnispartner“ zum bloßen „Waffenhändler“ degradiert.
Da Washingtons Waffenlieferungen ohnehin Richtung Nahost fließen und die Hilfe für die Ukraine versiegt ist, ist Trumps Drohung, die Unterstützung einzufrieren, wirkungslos geworden. Europa rüstet selbst auf und schätzt zwar US-Hardware, bettelt aber nicht mehr darum.
Europäische Handlungsfreiheit
Mit dem Schwinden des geopolitischen Hebels gewinnt die EU plötzlich den Spielraum zurück, sich gegen wirtschaftliche Schikanen zu wehren. Warum sollte Europa weiterhin schädliche Zölle auf seine Kernindustrien schlucken, wenn die dafür versprochene Sicherheit nicht mehr garantiert ist?
Die „Koalition der Willigen“ treibt die strategische Autonomie voran. Europäische Führungskräfte haben verstanden, dass sie ihre Sicherheit nicht länger an den unberechenbaren US-Wahlzyklus auslagern können. Die Ukraine wird dabei zum zentralen Partner eines neu organisierten, wehrhaften Europas.
Kiews neue Strategie: Unabhängigkeit durch Innovation
Angesichts wegbrechender US-Gelder hat Selenskyj die Verteidigungsstrategie auf drei Säulen gestellt:
- Eigene Rüstungspower: Die Ukraine wandelt sich vom Empfänger zum globalen Vorreiter für kostengünstige Innovationen wie FPV-, Marine- und Langstreckendrohnen. Mit einem Volumen von rund 55 Milliarden Dollar wird die Beschaffung zunehmend ins Inland verlagert.
- Integration statt Almosen: Europa finanziert Waffen direkt und investiert in die Ukraine als „Testfeld“ moderner Kriegsführung. Es entsteht eine Partnerschaft auf Augenhöhe: Kapital gegen Daten und Erfahrung.
- Autonome Luftverteidigung: Durch mobile Feuergruppen und Abfangdrohnen reduziert die Ukraine die Abhängigkeit von teuren US-Systemen. Die Botschaft lautet klar: „Wir verteidigen uns selbst.“
Ausblick 2027: Das Ende des „Dealmakers“
Blicken wir ein Jahr voraus: Die Republikaner haben den Kongress verloren, und das Urteil gegen die Zollpolitik schränkt Trumps Handlungsspielraum massiv ein. Währenddessen hat die Ukraine gemeinsam mit Europa Wege gefunden, sich ohne Washington zu behaupten und Russlands Ölexporte empfindlich zu treffen.
In diesem Szenario hätte der selbsternannte „Meister der Kunst des Deals“ sein eigenes Konzept ad absurdum geführt. Innerhalb von nur zwei Jahren wäre Trump von einer Position der Stärke in eine Lage geraten, in der er gegenüber Europa fast jegliche Hebelwirkung verloren hat.
Die internationale Politik steuert auf eine Ära zu, in der Washington nicht mehr das unangefochtene Zentrum der Macht ist.


