Ein großer Wandel in der EU: Der „Made in Europe“-Plan und seine Kontroversen
In Brüssel deutet sich ein wirtschaftspolitischer Kurswechsel an. Lange galt die Europäische Union als Verfechterin des Freihandels und offener Märkte. Doch angesichts geopolitischer Spannungen, wachsender Industriepolitik in den USA und China sowie der Energiekrise nach dem Ukrainekrieg rückt ein neues Leitmotiv in den Mittelpunkt: strategische Autonomie.
Unter Schlagworten wie „Made in Europe“ oder „European Preference“ diskutieren Politikerinnen und Politiker eine stärkere Bevorzugung europäischer Unternehmen – insbesondere bei öffentlichen Aufträgen und in strategischen Industrien.
Frankreich als treibende Kraft
Die Idee ist nicht neu. Bereits 2012 forderte der damalige französische Präsident Nicolas Sarkozy ein „Buy European“-Gesetz nach dem Vorbild des US-amerikanischen Buy American Act. 2017 griff Präsident Emmanuel Macron in seiner Sorbonne-Rede das Konzept der „europäischen Souveränität“ auf. Europa müsse unabhängiger werden – in Verteidigung, Energie, Technologie und Industrie.
Macrons Argument: Wenn öffentliche Investitionen gezielt europäische Anbieter stärken, könne der Kontinent seine industrielle Basis sichern und strategische Abhängigkeiten reduzieren.
Deutschland zeigte sich lange skeptisch. Als exportstarke Volkswirtschaft profitierte die Bundesrepublik besonders vom offenen Welthandel. Eine protektionistische Wende galt vielen als Risiko für globale Lieferketten und internationale Partnerschaften.
Warum die Debatte jetzt Fahrt aufnimmt
1. Europas schwindender Industrieanteil
Der Anteil Europas an der weltweiten industriellen Wertschöpfung ist seit Beginn der 2000er-Jahre deutlich gesunken. Während die EU einst rund ein Viertel der globalen Industrieproduktion stellte, liegt ihr Anteil heute nur noch bei etwa 15–16 Prozent. Gleichzeitig verfolgt China mit „Made in China 2025“ eine aggressive staatliche Industriepolitik.
2. Die Energiekrise nach dem Ukrainekrieg
Vor dem russischen Angriff auf die Ukraine bezog die EU rund 40 Prozent ihres Erdgases aus Russland. Besonders energieintensive Branchen wie Chemie, Stahl oder Glas gerieten nach dem Wegfall günstiger Gasimporte unter Druck. Die Abhängigkeit wurde zur wirtschaftspolitischen Schwachstelle.
3. Die neue Industriepolitik der USA
Mit dem Inflation Reduction Act haben die Vereinigten Staaten massive Subventionen für grüne Technologien beschlossen. Europäische Unternehmen fürchten Wettbewerbsnachteile, da viele Förderprogramme an Produktionsstandorte in den USA geknüpft sind.
4. Sicherheitspolitische Unsicherheiten
Parallel wächst in Europa die Sorge, sich langfristig nicht mehr uneingeschränkt auf die USA als Sicherheitsgarant verlassen zu können. Der Ausbau der eigenen Verteidigungsindustrie gewinnt dadurch zusätzlich an Bedeutung.
Was der „Made in Europe“-Ansatz konkret vorsieht
Die Vorschläge zielen auf drei zentrale Maßnahmen:
- Bevorzugung europäischer Anbieter bei öffentlichen Ausschreibungen
- Gezielte Subventionen für Schlüsseltechnologien (Batterien, Halbleiter, erneuerbare Energien)
- Lokale Wertschöpfungsanforderungen bei staatlich geförderten Projekten
Mit Gesetzen wie dem Net-Zero Industry Act und dem Critical Raw Materials Act hat die EU bereits erste industriepolitische Weichen gestellt. Langfristig soll der Industrieanteil an der europäischen Wirtschaftsleistung wieder auf rund 20 Prozent steigen.
Kritik aus exportorientierten Mitgliedstaaten
Doch nicht alle EU-Länder begrüßen diesen Kurs. Vor allem exportorientierte Staaten warnen vor steigenden Kosten, möglichen Handelskonflikten und einer Schwächung des Binnenmarkts. Ökonomische Analysen der OECD zeigen, dass lokale Inhaltsvorgaben häufig zu Effizienzverlusten und höheren Verbraucherpreisen führen können.
Kritiker plädieren stattdessen für interne Reformen: weniger Bürokratie, stärkere Kapitalmarktintegration und gezielte Innovationsförderung statt breit angelegter Protektionismusmaßnahmen.
Eine strategische Weichenstellung
Europa steht vor einer Grundsatzentscheidung. Soll es weiter auf globale Integration setzen – oder stärker auf industrielle Eigenständigkeit? Die Antwort wird die wirtschaftliche Zukunft des Kontinents maßgeblich prägen.
Quellen
- Eurostat: EU trade in goods and services statistics
- World Bank: Manufacturing, value added (% of GDP)
- UNIDO: Industrial Development Report
- European Commission: REPowerEU Plan (2022)
- European Commission: Net-Zero Industry Act (2024)
- European Commission: Critical Raw Materials Act (2024)
- U.S. Government: Inflation Reduction Act (2022)
- OECD: Local content requirements and trade policy analyses
- Emmanuel Macron: Sorbonne speech on European sovereignty (2017)

